Charlie ist 15, ein Außenseiter und versucht den Rat seines Lehrers zu befolgen um „am Leben teilzunehmen“. Genau so könnte man die Novelle „Vielleicht lieber morgen“ (engl. The Perks of Being a Wallflower) von Stephen Chbosky in einem Satz zusammen fassen. Chboskys Debütwerk dreht sich dabei rund um die Ereignisse von Charlie während seines ersten Jahres auf der High School Anfang der 90er. Diese verarbeitet er in Form von Briefen an einen Unbekannten, den weder er selbst noch der Leser kennt. Charlie selbst bleibt vor seinem „Freund“ anonym. Dies tut er zum Schutz seiner Mitmenschen. Er möchte nicht, dass jemals rauskommt, dass er die Geheimnisse weiter erzählt hat, die ihm anvertraut werden. So schlängelt er sich durch sein turbulentes High School Jahr und erlebt typische Teenager Erlebnisse, wie sie eigentlich normal sind. In Zeiten, in denen man viele Dinge zum ersten Mal fühlt. Zuneigung, Liebe, Sex, Dramen im Alltag, erste Erfahrungen mit Drogen – und trotzdem ist Charlie kein normaler Junge. So sieht er die Dinge, wie sie vielleicht sonst niemand sieht. Seine Gedanken kreisen um Themen, an die manche niemals denken würden. Genauso schreibt er auch seine Briefe. Denn diese sind so lustig, wie auch todtraurig, aber trotz allem ehrlich.
Genau das ist der Grund, wieso ich dieses Buch so zu schätzen weiß. Seine Ehrlichkeit, seine Sensibilität – er beschreibt sehr häufig, dass er heulen musste – und seine andere Art, über Dinge nachzudenken, sind faszinierend und erinnern mich teilweise an mich selbst. Ich konnte mich beim Lesen sehr gut in seine Rolle versetzen, wenn man in diesem Alter versucht, am Leben teilzunehmen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass seine Naivität selbst für jemanden wie ihn übertrieben ist (Beispiel: Er fragte eine Freundin, ob es in Ordnung wäre, wenn er im Traum daran denkt, mit ihr zu schlafen). Aber vielleicht ist es gerade diese Naivität wie er seine Briefe schreibt, die ihn auf eine gewisse Weise doch sympathisch macht. Zudem habe ich eine persönliche Lehre aus dem Buch gezogen: Manchmal ist das Leben nicht so kompliziert, wie wir zu glauben denken.
Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Es hat mich gleichermaßen zum Lachen gebracht, zum Nachdenken angeregt und mich auch schwermütig gemacht. „Vielleicht lieber morgen“ ist die Art Buch, bei der ich nicht mittlerweile nicht mehr glauben kann, dass ich jahrelang dem Lesen abgeneigt war. Danke, Herr Chbosky.
