Als kleinen Lückenfüller zwischen meinen Einträgen, will ich hier einen Text veröffentlichen, der nicht aus meiner Feder stammt. Ich hatte dieses Dokument schon sehr lange auf meiner Festplatte und bin vor kurzem wieder darauf gestoßen. Wie ich finde, ist es ein sehr schöner Text geworden, weswegen ich ihn gerne hier öffentlich machen will.
Ist diese Welt nicht verrückt? Kommt es nur darauf an, zu welcher Gruppe man gehört? Punks, Hip-Hopper, Möchtegerngangster oder einfach dazwischen? Zählt nur, welche Kleidung ich trage, welche Musik ich höre?
Wenn ich in Profilen herumstöbere stoße ich immer öfter auf diesen einen, ironischen Spruch:
„Ihr lacht mich aus, weil ich anders bin. Aber ich lache über euch, weil ihr alle gleich seid!“
An sich keine schlechte Aussage, aber wenn ich sie in einem Profil sehe, das zu einem blonden Zuckerpüppchen gehört, dessen Gesicht man vor lauter Schminke nicht mehr richtig erkennen kann, verliert sie seine Wirkung und wird einfach nur noch lächerlich. (Ein mehr oder weniger gelungener Schachtelsatz, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf…)
Schaut euch doch um! Seht ihr da noch irgendwo einen Funken Individualität? Unsere eigene kleine Welt wird regiert von Mode und Einheitszwang. Geht nur auf eine belebte Straße und blickt euch etwas aufmerksamer um als sonst, schaut euch die Jugendlichen in unserem Alter an. Bleibt da jemand noch richtig im Gedächtnis haften? Tragen sie nicht alle die gleiche Kleidung von H&M, von New Yorker, von Converse oder Protest? Findest du nicht deinen halben Schrank an der nächsten Ecke von einigen anderen Leuten aufgetragen?
Wenn ich auf eine Gruppe junger Mädchen treffe, tragen sie alle den gleichen Haarschnitt, vielleicht noch unterschieden durch die Farbe oder einzelne Strähnchen, Locken oder glattes Haar. Die Schuhe sind gleich, die Jeans passt und sieht aus wie jede andere. Nur nicht auffallen, in der Masse untertauchen, das zählt. Die Uniform wird neu erfunden, auf einer gezwungen freiwilligen Basis.
Gezwungen freiwillig? Wie geht das denn, fragt ihr euch jetzt vielleicht. Damit meine ich, dass ihr es gar nicht merkt, dass ihr alle gleich ausseht. Würde irgendjemand daherkommen und euch vorschreiben, was ihr anziehen müsstet, ihr würdet protestieren, auch wenn es der neuesten Mode entspräche. Versteht ihr?
Bei der ersten Begegnung wird man nach Kleidung und Aussehen beurteilt, ohne dass man dem Charakter oder der Intelligenz der betroffenen Person Beachtung schenkt. So wird zum Beispiel ein netter, außergewöhnlicher Mensch in alter und unmodischer Kleidung abgestuft, ein arroganter und dummer Wichtigtuer mit Markenkleidung vorgezogen. Ist das etwa gerecht?
Soviel mal zu den verschiedenen Gruppen und Cliquen in unserer Gesellschaft. Aber es gibt noch etwas anderes, was ich nicht verstehe. Warum darf man nicht einfach die Musik hören, die man hören will, die einem gefällt? Muss ich immer nach der Mode gehen, die zur Zeit bei Rockmusik liegt? Viele Jungs und Mädels leiden darunter, dass man sie wegen ihres Musikgeschmacks ausgrenzt, verachtet oder auslacht.
„Waaas? Du hörst Killerpilze? Bist du verrückt? Und auf ein Konzert geht’s auch noch? Dann können wir ja drauf warten, dass dir Tokio Hotel gefällt oder du auf Richie abfährst.“
Killerpilze. Tokio Hotel. Richie von US5. Haben wir sie nicht alle schon mal ausgelacht, mit dem Finger auf ihre Fans gezeigt und laut über sie gelästert? An dieser Stelle: Auch ich habe es bei ein paar der oben genannten Bands getan und nehme mir ganz brav für das neue Jahr vor, es in Zukunft zu lassen…
Es herrscht eine nimmermüde Feindschaft zwischen Hip-Hoppern und Punks, oder denjenigen, die sich dazu zählen. Zugegeben, es gibt in unserer bescheidenen Welt der jugendlichen Probleme fast keinen krasseren Gegensatz, als diese zwei…ich will sie einfach mal Genres nennen. Hosen, die in den Kniekehlen hängen, 3 dicke Daunenjacken übereinander gezogen, mit Kopftuch und Gangsterkette um den Hals. Natürlich dürfen die weißen Turnschuhe nicht fehlen. Das ist meine Vorstellung von einem typischen Hip-Hopper. Nennt sie ein Klischee, aber so habe ich das in meinem Kopf. Der Punk zeichnet sich aus durch seine Chucks oder Springerstiefel, dem Nietengürtel und dem Stachelhalsband, den schrill gefärbten und frisierten Haaren, dunkel geschminkte Augen und Lippen. Unzählige Armbänder sind um die Handgelenke gebunden, Stulpen, schwarze Fingernägel, Streifen, Punkte, Karos. Piercings in Nase, Augenbraue, Lippe, Ohr, Zunge…
Starke E-Gitarren und Schlagzeug stehen der Blackmusic gegenüber, endloses Getexte gegen lautes Gekreische des Punksängers, so jedenfalls würde es jemand definieren, der nichts von alledem wissen will.
Die Geschmäcker sind verschieden wie die Musik selbst, und wie schon im Grundgesetz steht:
Artikel 2
[Allgemeine Handlungsfreiheit; Freiheit der Person; Recht auf Leben]
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
Verletzt es etwa unseren Hip-Hopper, wenn jemand anders Rock- oder Punkmusik hört? Wenn ja, verschaffe ich ihm gerne einen Termin beim Psychiater. Das gleiche gilt natürlich auch andersrum; jeder sollte die Musik eines anderen respektieren. Und damit bin ich wieder beim Anfang des Absatzes angelangt.
Warum lassen wir uns nicht einfach in Ruhe? Warum gibt es Krieg auf dieser Welt? Und warum ist meine Cola schon wieder leer?
Vielleicht lösen sich all diese Probleme, wenn mehr Menschen so denken würden, wie ich es versuche…und wenn mein Bruder mir eine neue Flasche hinstellen würde. Ihr fragt euch jetzt sicherlich, zu welcher Gruppe ich mich zähle. Ich glaube nicht, dass das für diesen Text von Belang ist, oder?
Danke, dass ihr euch das alles durchgelesen habt…und denkt mal drüber nach, damit ich nicht meine Zeit verschwendet habe.
Ob ich mich intelligent fühle, wenn ich das hier schreibe? – Vielleicht.
Vielen Dank an Raphaela für dieses anregende Stück Text.